Kritiken

Hier findet Ihr alle Kritiken zu den 14 Stücken, spätestens einen Tag nachdem Ihr gespielt habt.


Strumpflos

Geschwisterliebe – auf den Punkt gebracht

Die Stückentwicklung „Strumpflos“ von dem Spielclub Jugend vom ETA Hoffmann Theater Bamberg am Donnerstag um 19:30 Uhr als 2. Stück des Festivals rauschte mit viel Humor und einer kuriosen Fantasiewelt in die Köpfe der Zuschauer.

Kampf zwischen zwei Geschwistern, ein sprechendes Buch mit einem „Doktortitel“, ein Sockengott, der einzelne Socken vom Himmel runterfallen lässt und eine Flusenwüste, die von Miele den Kampf angesagt bekommen hat, sind jetzt nur ein paar Sachen, die man im Stück sehen konnte.

Eine Gruppe Jugendlicher diskutiert über alltägliche Probleme, also vor allem GESCHWISTER, die einem ganz schön auf die Nerven gehen können. Allerdings hat eine Person keine Brüder oder Schwestern, weswegen sie in einem Buch ein Märchen über Geschwister, welches sie sich selbst ausgedacht hat, vorstellt. ES WAR EINMAL…

Die Geschwister Ingwer und Mal verstehen einander überhaupt nicht, nicht zuletzt da sie beide komplett unterschiedliche Eigenschaften haben. Als Mal Ingwer wieder schlimm schikaniert, lernt Ingwer ein „Zauberbuch“ kennen, das ihr von einer Welt namens „Einstrumpfland“ erzählt, wo man anscheinend den Schneider, der den verlorenen Strumpf der Gutmütigkeit herstellen kann, treffen kann. Dieser könnte ihre Schwester besänftigen und so macht sie sich mit dem sprechenden „Zauberbuch“ und ihrer Schwester, die sie mit einer List mit auf die Reise „überreden“ kann, auf den Weg. Dadurch landen sie in dem besagten Land, wo sie gleich auf die „Hüterin“ treffen, die von ihnen mehrere Aufgaben und Beschwörungen verlangt, unter anderem auch das Ritual, wo man in Socken reinschreit, um den Sockengott gnädig zu stimmen oder ein Influencer-Video drehen soll.    Als sie dann endlich weiterdürfen, treffen sie auf den Geist der verknitterten Wäsche, der vom Bügeleisen dorthin verbannt worden war und den Flaschengeist Weißer Riese, dessen Flasche anscheinend immer im Norden liegt. Als dann die bunte Truppe wieder aus der Wüste rausfindet, treffen sie wieder auf die „Hüterin“ und aus Zufall auch den Schneider, der ihnen dann offenbart, dass er die Socke der Gutmütigkeit nicht herstellen kann, sondern Socken nur vom Himmel runterfallen können. Allerdings hat er ein paar Knöpfe, die ihrer Schwester Mal den freien Willen nehmen könnten und Ingwer die Kontrolle über sie geben würden. Nach einer kleinen Rangelei, wo am Ende wegen Einspruch der Leserin, die dieses Märchen liest, die Knöpfe weggeworfen werden, entsteht trotzdem noch ein lustiges Happy End. Das Märchen wurde durch die Gesprächen der Jugendlichen vom Anfang passend abgerundet.

Das Bühnenbild war eher schlicht und einfach gehalten, was aber meiner Meinung nach zu dem Charakter des Stücks passte. So fungierte beispielsweise ein Hula-Hoop Reifen als Waschmaschine und fing die Blicke der Zuschauer ein. Schon alleine die schauspielerische Leistung füllte die Bühne aus, und schaffte es, das Vorstellungsvermögen des Publikums anzuregen. Die Kostüme waren sehr farbenfroh und betonten die Fantasiewelt, in der die Geschichte spielte, sehr gut.

Meiner Meinung war das Stück gut durchdacht und hat mit dem Humor und den Kostümen stilvoll die Zuschauer in das „Einstrumpfland“ entführt und dort mit einzelnen Gruppenchoreographien und lustigen Szenen das Märchen sehr gut erzählt. Großartig, bitte weiter so !!!

Text: Flo


Gen Osten

„ICH HABE HUNGER“

Ich hatte keine genauen Erwartungen an das Stück. Doch im Laufe der Vorstellung wurde ich positiv überrascht: „Gen Osten“ vom Jugendclub des Theaters Pfütze versteht es mit bunten Farben, dynamischen Tanzchoreographien und gutem Humor gepaart mit 12 individuellen Rollen auf der Bühnen starke Eindrücke zu schaffen.

Schon beim Eintreten fällt mir das ungewöhnliche Bühnenbild bestehend aus den ineinandergesteckten Lichtmasten auf. Ich bin zunächst skeptisch, aber nach und nach sympathisiere ich mich mit dem „Klettergerüst“, welches den Schauspielern/innen die Möglichkeit gibt, die Bühne nicht als passiven, sondern aktiven Teil in ihr Stück zu integrieren. Auch die förmlich zu spürende Energie der Darsteller/innen gibt dem Ganzen eine extra Portion Spaß, die zum Weiterzuschauen motiviert. Nicht zu vergessen der fantastische Humor, der in vielen Szenen so super gezielt eingebracht wird, macht „Gen Osten“ zu einem gelungenen Abschluss des Tages. Dazu kommen die, im Einklang mit der Musik und dem Licht, super choreographierten Tänze. Der Handlungsstrang des Stückes ist größtenteils klar nachvollziehbar, jedoch sorgen zwischendurch abrupte Szenenwechsel für Verwirrung. Immer wieder verliere ich den Anschluss und auch manche Tanz- und Gesangseinlagen kommen so überraschend, dass bei mir für ein paar Minuten Verwirrung entsteht. Klar, es ist sehr schwer 12 komplett verschiedene Rollen gut in ein Stück einzubringen, doch manche Teile wirkten lang gezogen, sodass sie den reibungslosen Ablauf verzögerten. Auch der Titel „Gen Osten“ wird im Stück meiner Meinung nach nicht ausreichend genug behandelt und gelegentlich hätte ich mich über ein paar tiefgründigere Dialoge gefreut, welche zum Nachdenken anregen.

Trotzdem hat „Gen Osten“ es eindeutig geschafft, mich zu überzeugen und ich würde gerne mehr humorvolle Stücke vom Jugendclub des Theaters Pfütze sehen. In dem Sinne – „Ich habe Hunger“.

Text: Lennart & Dennis


Macht

Entspannte und gute Atmosphäre, beeindruckende schauspielerische Leistung und eine sehr durchdachte und realitätsnahe Stückentwicklung!

Was ist eigentlich Macht? Diese Frage stellen sich nicht nur viele von uns, sondern auch der Theaterjugendclub Regensburg, der sich über ein halbes Jahr mit dem Thema „Macht“ beschäftigt und uns am Donnerstag ein großartiges Ergebnis geliefert hat.

Bevor das Theaterstück überhaupt losging, wurden wir Zuschauer abgefangen und einzeln von den Jugendclubmitgliedern zu sehr verschiedenen Themen befragt. Unter anderem wurden Fragen gestellt wie zum Beispiel was wir als letztes im Internet bestellt haben, worauf wir am meisten stolz sind oder ob wir beim Zugfahren aus dem Fenster schauen.

Wir wurden empfangen und begrüßt von einer künstlichen Intelligenz namens HAL, die aus dem Film „Odyssee im Weltraum“ von Stanley Kubrick stammt. Weiter ging es mit zwei Stewardessen, die uns auf Deutsch und auf Englisch das Benehmen im Theater (oder auch im Flugzeug) erklärt haben.

Weiter ging es mit der Geschichte der Macht – oder auch: wie alles anfing, denn wir als Zuschauer wurden direkt ins Steinzeitalter zurück katapultiert. Ein Alphatierchen demonstrierte seine Macht, indem es mit einer Wasserflasche, die, wie wir später in einem Gespräch herausgefunden haben, ursprünglich ein Knochen sein sollte, wild auf den Boden einschlug und auf sich aufmerksam machte. Weiter im Stück ging es mit einer Impression von „Woyzeck“, der vor einer ganzen Menschenschaar von einem Arzt beleidigt und bloß gestellt worden ist, was wir beide als eine Form der Macht durch Einschüchterung interpretiert haben.

Besonders gut fanden wir, dass der Theaterclub ein Thema gewählt hat, welches schon immer in unserer Gesellschaft ein umstrittener Punkt ist (und auch immer sein wird). Das Stück beschäftigte sich mit der Evolution der Macht, es wurden also wichtige Anhaltspunkte in der Geschichte dargestellt, die Rolle dieser in der Gegenwart, zur Hitlerzeit und in der Zukunft (beispielsweise Künstliche Intelligenz).

Uns hat überrascht, dass jeder Spieler ein gleichberechtigter Teil des Stücks war und alle nur im positiven Sinne herausgestochen sind. Wir vermuten, dass wirklich alle an der Stückentwicklung beteiligt waren, weshalb sie so gut mitfühlen konnten.

Auch das durchdachte Bühnenbild, bestehend aus drei schwarzen Stellwänden und einem Treppenpodest, überzeugte durch seine Wandelbarkeit. Besonders die Projektion verschiedener live selbstgefilmter Hintergründe unterstrich die aufwendigen und ausgefallenen Ideen des Theaterclubs Regensburg – die von synchronen Tanzchoreographien über chorischem Sprechen bis hin zu herausragenden Gesangsparts reichten. Der tosende Applaus spiegelte die Begeisterung des Publikums wieder.

Insgesamt eine sehr gelungene und abwechslungsreiche Inszenierung, die uns zum Nachdenken anregt und uns positiv in Erinnerung bleiben wird.

Text: Antonia &Selina


Wenn sich zwei Menschen

6 Sekunden

lang anschauen, lieben sich entweder oder hassen sie sich…

Die nun folgende Theaterrezension bezieht sich auf das Stück „6 Sekunden“, ein Stück welches eine Eigenproduktion vom Jugendclub des „Theater Schloss Maßbach“ ist. Unter der Regie von Julia Kren und ihrem Techniker Robert Werthmann schafften es die fünf Darsteller/innen Fanny Schmidt, Hannah Thome, Jehanne Worch, Melvin Beck und Johannes Rösch 80 Minuten lang eine unvergessliche Aufführung zu bieten.

„Ich hatte ohne Schei* Gänsehaut!“

„Das war anders, als alles andere davor!“ – Stimmen aus dem Publikum

Das Bühnenbild stach einem beim Eintritt direkt ins Auge, vier übermannshohe Spiegel standen dort. Nach einem kurzen Moment der Finsternis konnte man die Schauspieler/innen erkennen, sie standen alle hinter einem Spiegel, der sich als begehbar herausstellte. Zwischendurch wurden die Requisiten durch hohle Holzblöcke erweitert, welche als Schrank, Stuhl oder sogar als Bett fungierten. Zwei Spiegel waren jeweils miteinander verbunden, man konnte sie ein- oder ausklappen. „Faszinierend“ wie sehr einfache Gegenstände ein so genaues Bild von der „Welt“ des Stückes ergeben können. Eine leere Handyhülle fungiert als funktionstüchtiges Smartphone und Spiegel können auch als Gemälde in einer Galerie betrachtet werden.

Das Stück erzählt die Geschichte von fünf Personen, bestehend aus verschiedenen Freundeskreisen, heißt: Nicht jeder Charakter der Handlung kennt jeden anderen! Diese fünf Menschen begegnen ihrem Spiegelbild tagtäglich alle auf ganz unterschiedliche Weise. Während Fanny „Anna“ Schmidt, die Person, die Sie im Spiegel sieht, nicht für sich, sondern für jemand anderes hält, und sich dadurch tagelang in schizophrenen Gesprächen mit „Spiegel-Anna“ aufhält, bis sie so eingenommen ist, dass sie den Kontakt zu ihrer Umwelt verliert, lässt sich ihre beste Freundin Martha alias Hanna Thome von ihrem Spiegelbild runtermachen. Anfangs prallt das noch an ihr ab, aber als sie zunehmend den Kontakt zu ihrer Mitbewohnerin Jehanne „Maya“ Worch verliert und dann auch noch Anna, die inzwischen vollkommen in dem Bann von „Spiegel-Anna“ gezogen wurde, nicht mehr für sie da sein kann, verzweifelt auch sie langsam. Auch der organisierte und routinierte Politiker Hans aka Johannes Rösch verliert die Kontrolle über sein Leben. Allerdings nicht durch sein Spiegelbild oder durch fortschreitende Schizophrenie, nein, durch Liebe. Ja die Liebe ist ein zentrales Thema in diesem Stück. Auf der oben genannten Kunstgalerie lernt der zukunftsplanende Hans die unbesorgte und unbekümmerte Kunststudentin Maya kennen. Maya, welche ihr Spiegelbild als Bestätigung ihrer makellosen Schönheit sieht, fast schon als Verbündete und Freundin (das und die zahllosen Affären und Liebhaber sind für sie Bestätigung). Wie es für Maya folglich üblich ist, verführt sie den armen Kerl, welcher auch sogleich in ihren Bann gezogen wird. Anders als Hans ist sie aber nicht auf Liebe aus, lediglich auf kurzweiligen Spaß und vor allem auf das Geld des Politikers. Dieser erkennt aber auf Lang oder Kurz ihre Absichten und verfällt in Rage, als er auf ihre vielen Affären aufmerksam wird. Ein heftiger Streit entbrennt und Maya wird Opfer des nun gewalttätigen Hans, der über den Betrug und Verlust seiner Liebe nicht mehr hinwegkommt. Eine ganz wichtige Stelle wird hier leider nicht ganz deutlich, da sie hinter dem Vorhang passiert: Hans entstellt Mayas Gesicht mithilfe von kochendem Wasser, sodass sie nie wieder Männer verführen kann. Diese Maya sieht man so erst am Ende des Stückes wieder, sodass es ein Schock Moment für viele Zuschauer war, da eben nicht jeder diese Handlung mitbekommen hat. Bestürzt über seine Tat, wendet er sich an seinen alten und wohl einzigen Freund Melvin, „Matthias“ Beck, der seit dem letzten Zusammentreffen der beiden Freunde eine große Veränderung erfahren hat. Er ist erblindet. Doch dieser ist deswegen gar nicht niedergeschlagen, im Gegenteil. Der Verlust des Sehens hat ihm zur Weisheit verholfen, er kann nun diese oberflächliche Welt nicht mehr sehen, sodass er bis zum Ende des Stückes der einzige Charakter ist, der bei klarem Verstand geblieben ist. Die Referenzen an die griechische Mythologie von Narziss wurden klug von Maya und ihrem Wissen durch ihr Kunststudium eingebaut, sodass er als allgegenwärtiges Leitmotiv des Stückes dargestellt wird.

Die schauspielerischen Leistungen der ein wenig älteren Schauspieler/innen im Vergleich zum Durchschnitt der anderen Jugendclubs waren ohne Fehl und Tadel. Sehr authentisch durch Verwendung von Witz und natürlicher Mimik und Gestik. Besonders herausstechend war für mich persönlich die Darstellung von Fanny Schmidt, als sie langsam aber sicher anfängt, den Verstand zu verlieren. Durch ihre kindliche und lustige Art, „Spiegel-Anna“ so zu behandeln wie ein Kleinkind ein anderes Kind auf dem Spielplatz behandeln würde, hat sie mich am meisten überzeugt!

Hört also auf, Samstagmorgen in braunen Socken, ungekämmten Haaren herumzulaufen und euch mit einem „Faxe“ Bier in der Hand gehen zu lassen, denn nur Ihr bestimmt, wer Ihr seid!

Text: Matthias K.


Acts of goodness

Acts of Goodness

 Die Bereitschaft, anderen zu helfen, ist tief in uns verankert und zeigt sich schon früh in der Kindheit – das belegen verhaltensbiologische und psychologische Studien. Aber wieso scheint es uns im Alltag so schwer zu fallen, Hilfe anzunehmen oder Unterstützung zu akzeptieren? Liegt das schlichtweg an unserer heutigen Gesellschaft, die zunehmend von Missgunst, Egoismus und Gier geprägt zu sein scheint?

Solchen und ähnlichen Fragen geht der Theater Jugendclub Fürth in seinem Stück „Acts of Goodness“ nach. Die Stückvorlage basiert auf dem Text von Mattias Anderson, wurde allerdings von den sieben Darsteller/innen mit persönlichen Eindrücken und Erfahrungen originell ergänzt und kreativ umgesetzt. Im Mittelpunkt des Stückes steht das Hinterfragen des instrumentellen Charakters von Hilfsbereitschaft. Jemandem Fremden etwas schenken und damit eine Freude machen – klingt das nicht nach einem unkomplizierten Vorhaben? In „Acts of Goodness“ werden die Protagonist/innen schnell von der Realität eingeholt: Die Menschen reagieren skeptisch und scheinen dem Konzept der wahren Hilfsbereitschaft nicht zu trauen. Dies wird dem Publikum immer wieder gezielt anhand von Szenen aus dem Alltag vermittelt. Zwischen den verschiedenen Szenen philosophiert jeweils ein Darsteller über die Definition der wahren Güte und berichtet von einer persönlichen Erfahrung im Zusammenhang damit. Im Mittelpunkt dieses Vortrags steht allerdings stets die Frage, wie man selbst mit nur 5 Euro etwas Gutes tun kann. Güte spielt in dem Leben fast jedes Menschen eine zentrale Rolle – die jungen Schauspieler/innen des Fürther Jugendclubs behandeln gekonnt ein Thema mit großem Alltagsbezug. In „Acts of Goodness“ werden gezielt Figuren ganz verschiedener Altersgruppen, Herkunft und Milieus dargestellt, mit denen die Zuschauer intensiv mitfühlen.

Das Publikum bekommt viele, weitreichende Denkanstöße, sich mit dem Thema Güte auseinanderzusetzen. „Acts of Goodness“ besticht durch großartige schauspielerische Leistungen – den Darsteller/innen gelingt es, Emotionen authentisch und mitreißend auszudrücken. Doch das ist nur einer der Gründe, weshalb das Publikum von der ersten bis zur letzten Sekunde von dem Stück eingenommen wird. Besonders eindrucksvoll wirken die inspirierenden Vorträge der Schauspieler/innen – sie schaffen es, mit Humor und selbstkritischen Anmerkungen tiefe Botschaften zu vermitteln und trotzdem nie belehrend oder gar von oben herab zu wirken. Das Bühnenbild ist mit dem Kleiderständer gezielt minimalistisch gestaltet. Dieser wird gekonnt in das Stück mit eingebaut, als beispielsweise der syrische Flüchtling über seine persönlichen Erfahrung mit Güte sowie der Bedeutung von Freundschaft spricht und sich symbolisch haltgebende Hände durch den Kleiderständer hindurch auf seine Schultern legen. Auch die Kostüme mögen vielleicht auf den ersten Blick unscheinbar wirken, doch im Laufe des Stückes wird zunehmend deutlich, wie diese den individuellen Charakter der Figuren gezielt unterstreichen. Schon die Anfangsszene fesselte die Blicke der Zuschauer, als die Darsteller/innen zunächst wie eingefroren auf der Bühne standen. In der Schlussszene wurde genau dies wieder aufgegriffen und es gelang somit, einen Rahmen zwischen Anfangs- und Schlussszene zu schaffen. Teilweise war der Handlungsstrang des Stückes nicht ganz klar zu erkennen und auch die häufigen Szenenwechsel wirkten auf das Publikum etwas überfordernd. Andererseits könnte man genau dies auch wieder als Anspielung darauf sehen, dass Güte nichts Großes sein muss, sondern aus vielen aufeinander aufbauenden Handlungsaspekten bestehen kann, auch aus alltäglichen, spontanen Kleinigkeiten.

Die begeisterten Reaktionen der Zuschauer machten deutlich, dass es dem Jugendclub gelang, ein Stück voller Unterhaltung und lustiger Momente zu kreieren, das trotzdem intensiv zum Nachdenken anregte – und dies sicherlich auch noch über das Stück hinaus.

Text: Fiona


EXTREM

„Die ganze Welt ist eine Bühne“

– Extrem ist doch normal…

Eine illegale Party auf dem Kaufhausdach, ein homosexueller Rechter und eine vermutlich etwas überhastete Konvertierung zum Islam. Dies sind zwar nicht die ersten Sachen, die einem zum Titel „EXTREM“ einfallen, dass dieses sehr exotische Szenario aber dennoch einen tieferen Sinn für die Allgemeinheit hat, zeigt der Theaterjugendclub des Staatstheaters aus Nürnberg mit seiner Stückentwicklung auf eindrucksvolle Art und Weise.

Denn bei der besagten Feier prallen komplett verschiedene Welten – Extremen – aufeinander. Besonders herausstechend hierbei ist die Personenkonstellation, die aus einem gewissen Anteil Rechtsgesinnter, dem ein multikulturelles Aufgebot gegenübergestellt wird, besteht. Zwischen den unzähligen Intrigen und Exzessen auf der Party – welche auch eine besondere Rolle für die Botschaft des Stückes haben – nimmt eine Person eine sehr interessante und entscheidende Position ein. Alex, welcher bislang guten Kontakt zu seinen rechtsextremen Freunden gepflegt hat, entschließt sich, zum Islam zu konvertieren und seinen bisherigen Lebensstil aufzugeben. Dass er damit nicht nur auf gute Resonanz stößt, ist absehbar. Doch selbst sein neuer „Bruder“, ein in Nürnberg aufgewachsener Türke, wirft ihm Unüberlegtheit und mangelnde Wertvorstellung vor. Denn Alex‘ Drang zu Extremen führt ihn schneller zum IS, als zu einer verantwortungsvollen Auseinandersetzung mit dem Islam. Dennoch bleibt er seinem Vorhaben treu und in einer schwierigen Lage – zwischen eigener Überzeugung und den gesellschaftlichen Anforderungen.

Aber im Verlauf der Handlung gewinnt ein weiterer Aspekt zunehmend an Bedeutung. Denn was könnte die Kaufhaus-Location besser repräsentieren als den Konsum. Das Partyszenario treibt das natürlich auf die Spitze und evoziert dadurch ein Bild des Konsumexzesses, der Extreme. Doch diese verführenden Mittel müssen nicht nur Alkohol oder Schokolade sein – „Unser täglich Brownie gib uns heute“ -, sondern kann auch Liebe, Sex und wie im Fall von Alex auch eine Ideologie sein.

Doch wie kommt es überhaupt zu solchen Zwängen? Warum verfallen sie ihren Bedürfnissen? Natürlich ist mal wieder unsere Gesellschaft schuld! Denn Life becomes real if it’s watched und somit trifft man nicht selbst seine Entscheidungen, sondern sie werden schon längst für uns getroffen, bevor wir selbst überhaupt darüber nachdenken. Inszenatorisch wird das brillant vom Jugendclub, mithilfe zweier Repräsentanten des Konsums, dargestellt. Die Partygäste werden von ihnen herumgeschubst, ihnen werden Drogen eingeflößt und Gedanken in den Kopf gesetzt, wodurch sie an Marionetten erinnern. Erst dadurch kommt es zu Beziehungen, welche sich zu einer Katastrophe entwickeln – extrem. Also wird hiermit sehr deutlich gemacht, dass diese „Fadenzieher“ eine Mitschuld, wenn nicht sogar die Schuld für das tragische Ende haben. Zum Schluss geben sie auch dies auch zu: „Wir sind ihre Sklavenhalter“.

Zur Verdeutlichung der Lenkung durch die personifizierte Konsumgesellschaft, bedient sich der Theaterclub einem sehr gut geeigneten Bühnenbild. Dieses besteht aus einem durchsichtig abgetrennten Tanzbereich in der hinteren Hälfte sowie einer Dialogebene im vorderen Bereich. Während man im hinteren Partyabteil lediglich feiernde Leute beobachten kann, werden sukzessiv verschiedene Personenpaarungen – später auch ganze Gruppen – nach vorne geführt, teilweise von den zwei „Lenkern“ persönlich, um den Fokus alleinig auf die Handlung zu legen und die Botschaft zu verdeutlichen.

Das Statement, man solle sein Leben leben und es in vollen Zügen und Extremen auskosten, soll mit der Katastrophe – einem brutalen Massaker – erwidert werden, denn „bezahlt wird zum Schluss“. Aber ist man dann auch bereit, diesen Preis zu zahlen?

Die Stückentwicklung „EXTREM“ hat es geschafft, der gesellschaftskritischen Thematik auf eine lustige Art zu begegnen und mit einer charmanten Absurdität (schwule Nazis und besondere Eigenheiten von Personen) auf die Bühne zu bringen. Meiner Meinung nach kreiiert dieses Stück dadurch eine sehr gute Mischung aus Unterhaltung und der Botschaft, mit der man aus dem Stück rausgeht: „Scheiß darauf, was die anderen über dich denken!“, könnte der Satz heißen, den ich mir vorstelle. Klingt zwar sehr simpel, wird aber in Anbetracht des Stückes schwer umzusetzen sein.

Text: Clemens


Empathie, Gesellschaft und Ich!

„SAGEN SIE NICHT, WIR HÄTTEN ES NICHT VERSUCH

Wie kann ich ein guter Mensch sein? Und will ich das überhaupt? Diesen Fragen (und zahlreiche weiteren) gehen die acht Mädchen vom Club Y aus Augsburg nach. In „Empathie, Gesellschaft und Ich!“ philosophieren sie über verschiedene Aspekte des täglichen Miteinanders, über die Theodizee-Frage bis hin zu den krassesten Auswüchsen der Konsumgesellschaft.

Wie die Gesellschaft folgt auch das Stück festen Formen: Zuerst ertönt eine Sirene, das Signal für die Personen sich in einer Reihe aufzustellen, nur um sich dann synchron zu den befremdlichen Tönen eines Techno-Funk-Marsches zu bewegen (was ihnen exzellent gelingt!). Nach dessen abrupten Ende beginnen die Charaktere auf den Boden zu malen, danach folgt ein Mono- oder Dialog zu den angesprochenen Themen, oft mit dem ominösen Harold, der abwechselnd von den verschiedenen Schauspieler/innen verkörpert wird. Bis wieder die Sirene tönt und der Zyklus von Vorne beginnt. Erst zum Schluss gelingt es ihnen, den Kreis zu durchbrechen und wir dürfen Harold bei seiner Reise über den Bühnenboden begleiten. Dieser nimmt sowieso eine ganz besondere Rolle ein: Er wird nämlich live auf die Bühnenrückwand übertragen und fungiert so als Bühnenbild, das sich während des Stückes dauernd verändert. Während jedes Zyklus` kommen neue Bilder hinzu, das Ganze stellt einen ständigen Prozess dar. Das ist einfach nur toll gelungen, eine sehr kreative und exotische Art, mit dem Bühnenbild zu spielen.

Die vorgetragenen Texte sind teilweise etwas schwer zugänglich, der Sinn und der Bezug zum Thema erschließen sich manchmal nicht sofort. Dafür sind sie aber mit zahlreichen Querverweisen und zynischen Spitzen gespickt. Der Humor des Stückes ist sehr böse, oft bleibt einem das Lachen im Hals stecken, beispielsweise wenn ein Mädchen zum lieben Gott betet, er möge doch bitte ihre nervigen Eltern töten. Für Abwechslung sorgen da die vereinzelt eingestreuten Musiknummern samt Tanzchoreografie, die das Thema schön untermalen und auflockern.

Am Ende wird der Zuschauer mit einem merkwürdigen Gefühl alleine gelassen, er fühlt sich fast schuldig für seine Rolle, sein Beitragen zu der angeprangerten Gesellschaft(„Die Schuhe sind nur so schön, weil sie von Kinderhänden gemacht werden“). Das Stück liefert kein Rezept für ein besseres Miteinander, es appelliert indirekt an den Zuschauer, selbst die Initiative zu ergreifen. Wie er das macht, bleibt ihm überlassen.

Abschließend kann man festhalten, dass „Empathie, Gesellschaft und Ich!“ es schafft, einen komplexen und undurchsichtigen Stoff mit einem gut funktionierenden Konzept dem Zuschauer näher zu bringen und durchweg gut zu unterhalten, ohne das große Ganze aus dem Blick zu verlieren.

Text: Valentin

 


 

Bombsong

 Kurt Cobain, Aviccii, Kate Spade – das sind nur einige Beispiele von tragischen Suiziden berühmter Persönlichkeiten, die harte, bittere Realität sind. Für reißerische Schlagzeilen sorgen solche Fälle immer wieder, aber nimmt unsere Gesellschaft überhaupt wahr, wie Luxus, Wohlstand und Sicherheit zu Selbsthass und -tötung führen können? Oder verdrängen sie dies ebenso so schnell, wie die Schlagzeilen auftauchten und assoziieren mit Suizid vielmehr soziale Abgründe oder Armut?

In „Bombsong“ stellt der Jugendclub 2 des Stadttheaters Ingolstadt den inneren Konflikt und die Zerrissenheit einer jungen, wohlhabenden Selbstmordattentäterin dar. Die Textvorlage von Thea Dorn wurde von den Darsteller/innen kreativ umgesetzt – anstatt des Monologes in der Originalfassung, stellen die weiblichen Schauspielerinnen die Gedanken und Gefühle der Protagonistin dar. Das Stück beginnt mit einem ironisierend-provokanten Appell: Wer meine, dass Einemilliondreihundertsiebzigtausend Euro jährlich auf dem Konto viel Geld seien, solle nun den Saal verlassen. Die Protagonistin wünscht sich etwas, für das sie kämpfen könnte, ein Ziel, dass sich zu verfolgen lohnte oder etwas, von dem sie träumen könnte. Der geplante Suizid, durch Zünden einer Sprengladung in der U-Bahn, scheint für sie alternativlos. Sie ist in ihrem Leben von Sicherheit umgeben – und ihre Sehnsucht somit unerfüllbar. Die Schauspielerinnen bringen den inneren Kampf nicht nur sprachlich, sondern auch durch sehr expressive Bewegungen zum Ausdruck. Die drei männlichen Darsteller hingegen scheinen die äußere Handlung darzustellen – sie treiben den Handlungsstrang voran und bestimmen seine Richtung. Auch die Erzählungen und Erinnerungen aus der behüteten Kindheit spielen eine zentrale Rolle und auf sie wird mehrfach Bezug genommen. Dem aus der Kindheit der Protagonistin stammende kleine, rote Koffer kommt ein besonderer Stellenwert zu. Er symbolisiert das intensive Spannungsfeld, dass die Protagonistin sich in extremer Weise nach Auflehnung, Kampf und Rebellion sehnt, während gleichzeitig ihr Bedürfnis nach Geborgenheit und innerem Frieden, wie sie ihn in der Kindheit verspürte, allgegenwärtig ist. Es steckt eine tiefe Tragik darin, dass die Hauptperson sich nichts mehr wünscht als einen Kampf und gleichzeitig dieser innere Konflikt intensiv wie nie zuvor ist. So erscheint es stimmig, dass sich in dem Koffer mit den Erinnerungsstücken an die behütete Kindheit auch der Sprengstoff befindet.

Sie thematisiert auch Möglichkeiten, wie sich im Umwelt- oder Tierschutz zu engagieren oder Flüchtlingen zu helfen. Doch diese Möglichkeiten für etwas zu kämpfen und einen Unterschied zu machen, scheinen zu abstrakt und würden ihr keine persönliche Befriedigung bringen.

In dem Wunsch der Protagonistin, sich bei einer Naturkatastrophe bewähren oder gegen eine Diktatur ankämpfen zu können, zeigt sich eine gewisse Pervertierung ihres Bedürfnisses nach Widerstand und Kampf. Welche Werte sollten dahinter stecken? Würde sie möglicherweise Gerechtigkeit anführen? Würde sie diese verraten, wenn sie dafür Leid und Tod vieler Menschen durch Naturgewalt oder ein totalitäres Regime in Kauf nähme?

„Bombsong“ ist eine intensive Erfahrung für die Zuschauer – sie werden von der dramatischen Handlung eingenommen und fasziniert. Auch die großartige schauspielerische Leistung und das eindringlich-ausdruckstarke Auftreten der Darsteller/innen wirkt beeindruckend.

Das Stück beschäftigt sich fast ausschließlich mit innerer, äußerlich nicht-sichtbarer Handlung und so ist es passend, dass das Bühnenbild kaum aus materiellen Dingen besteht, sondern vielmehr aus dem Zusammenkommen verschiedener Musik- und Lichteffekte. Schon zu Beginn des Stückes ertönt zunächst Musik, bevor die Darsteller/innen die Bühne betreten und auch in der Schlussszene wird das Geräusch des abfahrenden Zugs gezielt eingesetzt.

Die Darstellerinnen tragen alle einen roten Handschuh, welcher symbolisiert, dass sie alle das Gefühlsleben und die Gedankenwelt einer einzigen Person darstellen. Jedoch hätten die Kostüme noch etwas bedachter gewählt sein können. Man hätte sie mehr aufeinander abstimmen oder sie hätten gezielter verschiedene Emotionen unterstreichen können.

In „Bombsong“ gelingt es den Darsteller/innen die Zuschauer intensiv zum Nachdenken zu bringen und sich mit ernsten Themen zu beschäftigen, ohne dabei erdrückend oder aufdringlich zu sein.

Text: Fiona


 

Nebel im August

Augsburg, 7. Juli 1949: Der ehemalige Direktor der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren Doktor Faltlhauser ergreift auf der Anklagebank das Wort. Er verteidigt seine Beweggründe, rechtfertigt seine Taten, er habe nur aus Mitleid und Pflichtbewusstsein gehandelt. Er sei Staatsbeamter, wurde dazu erzogen, Anordnungen und Gesetze Folge zu leisten. Valentin Faltlhauser ist Angeklagter aufgrund seiner Beteilung an dem Euthanasie-Verbrechen, bei dem rund 200.000 als krank oder behindert geltende Menschen im Dritten Reich durch die Nationalsozialisten ermordet wurden. Er wirkte bei der Vernichtung von rund 2.000 psychisch kranker Kinder, Frauen und Männer mit, indem er mit dem Ausfüllen einiger Meldebögen entschied, welcher Patient als Euthanasiefall galt und somit vernichtet wurde.

Faltlhauser wurde zu einer Haftstrafe von gerade einmal 3 Jahren verurteilt, aufgrund von Haftunfähigkeit erhielt er eine Begnadigung.

Mit diesem Thema beschäftigen sich die Jugendlichen des Jugendclubs Coburg in dem Dokumentarstück „Nebel im August“ von John von Düffel nach der Romanbiographie von Robert Domes, das sie aber mit eigenen Ideen ergänzt haben. Euthanasie – dem nicht um die Patienten von ihrem Leid zu befreien veranlassten Gnadentod, sondern einer grausamen geplanten Tötung unzähliger Menschen – wurde historisch viel zu wenig Beachtung geschenkt. Besonders das Schicksal des Jungen Ernst Lossa, der nur 14 Jahre alt wurde und ohne jegliche Krankheiten dem Euthanasie-Verbrechen zum Opfer fiel. Ganz ohne Tagebuch, nur durch sein Foto berührte sein Schicksal die Welt. „Nebel im August“ handelt von den Gerichtsverhandlungen 1949 zu dem Fall Ernst Lossas. Mit dem Imitieren dieser Gerichtsverhandlungen durch verschiedene Angeklagte, deren schauspielerische Leistung mich überzeugte, und das dazu passend schlicht gehaltene Bühnenbild in Form von einigen Stühlen und Gitterwänden, lassen sich die Verhandlungen gut nachempfinden. Zwischen den Verhandlungen werden Fotos der damaligen Zeit an die Wand projiziert, welche helfen, sich die Situation damals besser zu vergegenwärtigen. Mit einigen Tanzchoreographien, Sprechchören und Gesängen wird das Stück kreativ untermalt. Teilweise finden Sprünge in die Vergangenheit zu Ernst Lossas Lebzeiten statt, bei denen Szenen seines Lebens wiedergegeben werden. Die Jugendlichen haben die Zuschauer/innen auch wieder in die Gegenwart versetzt, dabei wurde jedoch nicht der Bezug zur Vegangenheit hergestellt (zum Beispiel in der Szene mit dem Schinkenbrötchen wurde der Zusammenhang nicht klar). Ich hätte mir noch mehr kreative und originelle Ideen aus der Lebenswelt der Jugendlichen gewünscht, die Parallelen zur Vergangenheit schaffen, und in die bereits vorhandene Stückgrundlage einfließen könnten. Bei der Clownsszene am Schluss zum Beispiel ist dies gut gelungen, hätte jedoch noch weiter ausgebaut werden können. Fazit: „Nebel im August“ behandelt ein sehr wichtiges Thema, das nie vergessen werden darf, und vom Jungen Theater Coburg teilweise sehr spannend umgesetzt wird. Die Zuschauer/innen werden nachhaltig zum Denken angeregt und auch die Musik untermalt das Stück passend. Teilweise hätten die Zusammenhänge noch etwas besser verdeutlicht werden können.

Text: Martha


 

„FAITES VOS JEUX“

Für mich war „Faust“ von Goethe immer eine Geschichte über die Gefahr des fanatischen Strebens nach Glück, Macht und Wissen. Wer mit aller Kraft versucht eben dies zu erreichen, wird wohl oder übel sich oder andere verletzen. Einige Leser werden mir da vielleicht zustimmen, andere würden mir am liebsten die gebundene Ausgabe des ungefähr 250-Seiten-starken „Faust II“ an den Kopf werfen, weil ich scheinbar nichts von der Tragödie gecheckt habe. Obwohl der Stoff bereits über 200 Jahre auf dem Buckel hat, ist er einer der meist gespielten Klassiker und wird heute immer noch kontrovers diskutiert, doch an des Pudels Kern kommt keiner. DIE wahre Faust-Interpretation gibt es nicht. Und das macht den Stoff so interessant.

Dementsprechend groß war die Vorfreude auf „Je suis Faust“, in dem die 22 Jugendlichen der Gärtnerplatz Jugend versuchen, Goethes Werk in die heutige Zeit zu transferieren. Dafür behandeln sie die wichtigsten Szenen – von der Wette bis hin zum tragischen Ende der Gretchen-Tragödie – in zahlreichen abwechslungsreichen Musical-Nummern mit grandiosen Tanzchoreografien. Die schauspielerische Leistung ist absolut top, genauso wie die Live-Musik. Das Bühnenbild, die Kostüme sowie die Maske sind ganz große Klasse, hier gibt es gar nichts auszusetzen. Besonders beeindruckend sind die stimmigen, perfekt getimten Bewegungsabläufe, auch hier merkt man, wie professionell die Gärtnerplatz Jugend arbeitet. In diesen Bereichen ist die Modernisierung also absolut geglückt.

Die Frage, was uns die Geschichte über den Doktor Faustus heute noch sagt und was ihre Bedeutung ist, wird inhaltlich leider kaum aufgegriffen. Die Inszenierung liefert für mich überraschende Interpretationsansätze (z.B. ist Mephisto nur eine der multiplen Persönlichkeiten Fausts?), rührt den Ursprungstext allerdings inhaltlich nicht an. Dabei eignet sich „Faust“ eigentlich perfekt, um diverse gesellschaftliche Probleme zu hinterfragen. Was ist die Rolle der Frau in „Faust“? Warum ist sie nur ein Spielball der Männer und wie ist das heute? Rechtfertigt der Zweck die Mittel?

Beispielsweise wurde das Stück kurz unterbrochen und die Zuschauer gefragt, ob sie die gerade gespielte Szene verstünden, da sie ja eigentlich völlig unlogisch sei. Das Durchbrechen der vierten Wand ist eigentlich eine super Idee. Ich versuche mich wirklich zu erinnern, während welcher Szene das geschehen ist, weiß es aber nicht mehr. Schlimm ist das nicht, da auf die gestellte Frage ohnehin nicht weiter eingegangen wurde. Genau das allerdings, finde ich, ist stellvertretend für das Stück: Der Text von Goethe wird zwar behandelt, wirklich Neues oder Spannendes liefert es aber nicht.

Am Ende bleibt eine fantastisch inszenierte Aufführung mit tollen Darsteller/innen, die großartig unterhält, meine Fragen aber leider unbeantwortet lässt.

Text: Valentin


 

Newer … hipper?

Eine neue Idee, ein neues Projekt, ein neues Tool. Innovationen entwickeln sich nicht von selbst. Man braucht Menschen dahinter, die bereit sind für ihre Aufgabe, ihr Leben aufzuopfern, um gemeinsam etwas für die Welt beizutragen. Menschen, wie sie auch bei „Life Scout“ arbeiten – einer Firma, in der es keine hierarchischen Strukturen gibt. Durch diese Gleichstellung, ein resultierendes Wohlbefinden und ein harmonisches Arbeitsklima verhofft sich das Unternehmen Effizienz, Höchstleistung und eine bessere Zukunft – oder besser gesagt: Profit. Doch was diese vermeintliche Freiheit und Gemeinschaftsideologie mit sich bringt, zeigt der BackstageKlub vom Münchner Volkstheater in seiner Stückentwicklung „Newer Hipper Company“ auf eine sehr unterhaltsame und zugleich bedeutsame Art und Weise.

Gleich zu Beginn wird der Zuschauer mit dem Unternehmen vertraut und mit dem Kollegium – einem bunten Portrait eines Klischee-Unternehmens – bekannt gemacht: Zum einen die Lästertanten, die den ganzen Tag nichts anderes zu tun haben, als ihre Raucherpause auszukosten und dabei über die neuesten Intrigen und Trends herzuziehen, zum anderen die Ausgegrenzte – besser bekannt als „das Opfer“. Auf der einen Seite die vollemanzipierte, rational denkende und rechthaberische Arbeitsmaschine, auf der anderen das total verunsicherte Mädchen, das zwanghaft versucht, mit jedem Frieden zu schließen. Außerdem ein sehr zielgerichteter Macho, dem Peter gegenübersteht, eine menschgewordene Mischung aus Dalai Lama, Barbies Ken und einem Einhorn. Allen voran der Chef, der, auch wenn er es aufgrund des Firmenkonzepts ungern zugibt, immer noch Kapitän des sinkenden Schiffs „Life Scout“ ist.

Durch eine völlige Gleichstellung der Arbeiter/innen wird versucht, ein allgemein wohltuendes Arbeitsklima zu schaffen. Doch die Folge ist ein immer Größer werdender Druck im Job. Gefordert wird nämlich keine Individualität oder besondere Fähigkeiten, sondern „das perfekte Maß an Durchschnittlichkeit“. „Hört auf, Fragen zu stellen“ sind die Parolen, die sie gesagt bekommen. Sie sollen Sklav/innen ihrer Arbeit werden, denn „wenn ich Welt sage, meine ich Arbeitsplatz“. Für diesen müssen sich nun mal Familie und Freizeit unterordnen. Die Arbeiter/innen werden dadurch auf ihre reine Arbeitskraft reduziert und als niedere Form einer Maschine verunglimpft. Denn Maschinen erfüllen das Bild der Perfektion und sind keinen emotionalen „Gefahren“ ausgesetzt, was einen Fehler noch viel unwahrscheinlicher macht. Zudem sind sie nie krank, sie arbeiten konstant und ohne Pause und sind jederzeit ersetzbar („Der Gerät schläft nie!“). Das Stück greift auch diesen Punkt der Austauschbarkeit auf und treibt ihn auf die Spitze. In regelmäßigen Abständen findet eine Selektion statt. Das gleichberechtigte Kollektiv darf hier jeweils über den ineffizientesten abstimmen, welcher dann keine weitere Zukunft in der Firma hat, damit das Niveau erhalten und das Unternehmen wettbewerbsfähig bleibt. Natürlich hat das die Bildung von Allianzen, Interessenkonflikten und eine enorme Druckerhöhung für die einzelnen Arbeiter/innen zur Folge, was wiederum negative Auswirkungen auf die Leistung der Einzelnen hat. Diese Unproduktivität spiegelt sich zum Beispiel in der Arbeiterin wieder, welche zwar eine Präsentation zu halten versucht, das aber aufgrund des enormen Leistungsdrucks nicht schafft. Doch wer würde sich das auch trauen in einer Ideologie nach dem Motto „Eliminiere alle Schlechten!“?

Resultierend stellt sich die Frage, inwiefern diese angestrebte Alltags-Freiheit neue Grenzen setzt, also, sich bestehende Zwänge lediglich verschieben anstatt aufzulösen. Und somit bleibt diese „Newer Hipper Company“ auch bloß wieder ein Ort, an dem die Arbeiter/innen unterdrückt und kategorisiert werden – genauso wie vor 50 oder 100 Jahren, nur eben auf andere Weise.

Ich bin mit hohen Erwartungen in die Aufführung gegangen und wurde nicht enttäuscht. Aufgrund der Größe des Theaters am Haidplatz hatte ich zuerst Bedenken, dass der Platz auf der Bühne nicht ausreichend ist. Aber durch die geschickte Verschachtelung und Umfunktionierung von Requisiten hat es der BackstageKlub geschafft, ein gutes Bild mit wenig Platz und Mitteln zu kreieren. Die Darstellung sowie die Authentizität der Personen haben mich sehr positiv überrascht. Die Rollen wurden konsequent und mit viel Leidenschaft gespielt. Daran konnten auch kleinere Pannen nichts ändern. Viel mehr wurden diese Ausrutscher, Textlücken und sogar Stürze so gut von den Darsteller/innen angenommen, dass ich mir das Stück ohne diese „Extras“ kaum vorstellen kann. Die resultierende Situationskomik war abgesehen von der ohnehin sehr ausgelassenen Stimmung ein positiver Nebeneffekt. Generell hat diese Stückentwicklung eine tolle Mischung aus Handlung – beziehungsweise der Botschaft – und Unterhaltung. Auch deshalb, weil Schlüsselpersonen wie der witzige Peter, der dem Arbeitsalltag mit Yoga für die Belegschaft entgegenwirkt und einen Gegenpol zur Arbeitsideologie darstellt, der Inszenierung eine besonders skurrile Ader geben.

Das Stück ist aus vielerlei Hinsicht auf unglaublich positive Resonanz gestoßen. Während der Aufführung hat es (im positiven Sinne) Lachanfälle, mehrfach Zwischenapplaus und Standing-Ovations mit vielfacher Ehrung der Schauspieler/innen gegeben. Dem hab ich mich nur anschließen können!

Text: Clemens


 

Wer gewinnt, wer verliert?

Die folgende Rezension bezieht sich auf „Win Place Show 2018“ von der Kammerklicke der Münchner Kammerspiele. Die Inszenierung ist eine Aktualisierung des schon bestehenden Theaterstücks „Win Place Show“, welches seine Uraufführung im Jahre 2008 hatte. Beide sind Eigenproduktionen und wurden inszeniert von Christine Umpfenbach sowie der ganzen Crew der Kammerklicke.

Auf der Bühne gab´s diesmal eine Menge zu sehen: Vier schwarz/rote Tische, manche leicht übereinander lappend, eine große Leinwand, auf der später Filme gezeigt wurden, ein Glücksrad mit den Aufschriften „Die Vergessenen“, „Werbung“, „Fragen“, „Geld“ sowie zwei Mikrofonständer mit Mikrofonen und… Darsteller/innen? Ja die Darsteller/innen „chillten“ beim Einlass noch auf den Tischen, begrüßten Bekannte von ihnen und alberten rum. Das spricht sehr für die Art des Stückes – es ist sehr locker. Ein weiteres Beispiel: Wenn Charaktere gerade keinen Text hatten, gingen sie einfach an den Rand, setzten sich und tranken etwas. Diese Art kann man mögen, viele Menschen, die ins Theater gehen, mögen das aber nicht. Generell, das Stück ist ziemlich eigen. Es wurden insgesamt acht Hauptthemen behandelt, allerdings ohne einen roten Faden. Die Themen waren Kampf, Helden, Heimat, Musik, Liebe, Verlust, Leben und Hollywood. Diese Themen wurden alle einzeln behandelt. Bemerkbar war, dass die Charaktere zwar selten alle einer Meinung waren, aber trotzdem stets „im Guten“ das Thema gewechselt haben. Themawechsel… eher „Thema-Abruch“, dieser erfolgte übrigens über ein Glücksrad, welches immer angestoßen wurde, und dann gab es entweder Teile eines selbstgedrehten Filmchens zu sehen – angelehnt an Szenen von „Die Vergessenen“ von Luis Buñel (wie ich später im Internet erfuhr) – eine Tanz- oder Kampfchoreo oder einfach wildes Gehüpfe zu Musik oder die Schauspieler/innen stellten sich in einer Reihe dicht vor dem Publikum auf und schrien es mit moralischen – sowie Fragen aus ihrem Leben an. Denn dieses Leben ist kein alltägliches, es handelt von Charakteren, deren Darsteller/innen aus insgesamt 12 verschiedenen Ländern kommen und nahezu jeder spricht eine andere Sprache. Die Schauspieler/innen waren sehr gut. Authentisch wurde es auch, falls man mit dem Deutschen etwas nicht ausdrücken konnte, wurde einfach fließend ins Englische gewechselt. (Ich habe viel persönlichen Kontakt zu Flüchtlingen und Menschen, die gerade Deutsch lernen, da ist es auch so.) Trotz allem, das Stück ist ziemlich wirr. Einen genauen Ablauf gibt es nicht, allein weil die Schauspieler/innen nicht bestimmen können, was das Glücksrad anzeigt: Sie müssen auf alles vorbereitet sein, das verdient Respekt! Es steckt generell ein sehr großer Arbeitsaufwand hinter der Inszenierung. Das Einstudieren von Choreographien, das Drehen der Filmchen… (welche übrigens stumm gedreht wurden und dann in der Aufführung nachsynchronisiert werden).

Leider hat mir trotz allem ein sehr wichtiger Teil gefehlt, der das Stück verständlich gemacht hätte: Der schon oben genannte „rote Faden“. Es fiel mir einfach schwer, einen tieferen Sinn hinter so vielen Aktionen zu sehen. Es kam mir wirr vor, fast schon so sehr, dass ich dachte, manche Witze wolle man krampfhaft einbauen, egal, ob es passt oder nicht. Beispielsweise bekommt in einem völlig normalen Gespräch ein Mädchen auf einmal einen Wutanfall, sie schrie und stampfte auf den Boden. Das Publikum amüsierte sich, aber der Sinn dahinter…? Nicht verständlich. Die lockere Haltung des Theaterstücks führte dazu, dass sie nach dem teilweise gestandenem Schluss-Applaus einfach weitermachten. Die Türen wurden schon wieder geöffnet, doch die Darsteller/innen baten alle Zuschauer/innen auf die Bühne, wild zur Musik umherzuspringen. Wann endet die Aufführung wirklich?

Fazit: Ein sehr eigenes Stück, klar unterhaltsam, aber ich hatte Schwierigkeiten es zu verstehen. Und ganz ehrlich, ich glaube das sollte auch so sein. Das Stück schien keinen so großen Wert auf Sinn und Verständlichkeit zu legen, sondern nur auf kleine Denkanstöße sowie Unterhaltung. Das Publikum war geteilt, die einen liebten es, die anderen saßen da und dachten sich am Ende „Hä, was war das gerade?“. Eine gute Idee, die Jugendlichen mit ernsten Themen zu konfrontieren, aber dennoch… Schade!

 Text: Matthias K.


 

#perfectunperfect

Was ist „perfekt“ – und was bedeutet das überhaupt? Mit dieser Frage beschäftigte sich das Theater an der Rott. „Perfekt zu sein“ bedeutet für jeden etwas anderes, und genau das ist der Kern der Inszenierung.

Was mir positiv aufgefallen ist, ist, dass die Schauspieler/innen, die schon vor Beginn auf der Bühne saßen, zu diesem Zeitpunkt schon fest in ihren Rollen waren. Das Bühnenbild ist sehr schlicht gehalten (bzw. nicht vorhanden, mit Ausnahme von ein paar Stühlen), was sich aber zum Positiven für das Stück auswirkt, da es nicht von der eigentlichen Handlung abhält.

„#perfectunperfect“ beginnt mit einem Casting, und natürlich werden nur die ausgewählt, die „perfekt“ ins Bild passen. Hier war übrigens auch das erste Dancebattle der Vorführung – eines von noch vielen. Die, die nicht ausgesucht wurden, beschließen, eine eigene Tanzgruppe zu gründen, in der sich keiner verändern muss, um der Norm oder den Ansprüchen der Gesellschaft zu entsprechen. Gleichzeitig entwickelt sich bei manchen von den „Ausgewählten“ eine Art geistiger Widerstand zu den hohen Erwartungen der Frau, die über das Casting bestimmt hat und auch die Choreos vorgibt. Sie können nicht so perfekt und diszipliniert sein, wie es von ihnen erwartet wird. Verständlich! Die selbstgegründete Gruppe ist sich immer mehr im Klaren, dass sie überhaupt nicht perfekt sein will, und, dass jeder seine eigenen Probleme hat, mit denen er kämpfen muss. Bei ihnen akzeptiert jeder jeden – von Vlogger über Veganer bis hin zu einem Mädchen mit Putzzwang. Dies bekräftigen sie noch einmal mit einer Gesangseinlage. Die beiden Fronten geraten mal wieder aufeinander und führen ein weiteres Dancebattle (N°2). Was auch sonst? Meiner Meinung nach hat in diesem eindeutig die „unperfekte“ Gruppe gewonnen – just saying. Das schüchterne Mädchen aus der anderen Gruppe kann dem Druck nicht standhalten und hält eine überzeugende Rede über Perfektion, was sie wiederum durch eine kleine, aber passende Gesangseinlage bekräftigt. Sie beschließt, die Seiten zu wechseln. Es folgt ein weiterer Monolog über Perfektion, diesmal von der Ausländerin der Gruppe. Außerdem entschließen sich drei weitere aus dem Team „perfect“ der anderen Front beizutreten, mitunter auch deren sogenannte Anführerin. Abgeschlossen wird das Stück mit – wer hätte es gedacht – einer weiteren Gesangs- und Tanzeinlage.

„#perfectunperfect“ ist ein Musical, das zwar durch die ganzen Choreografien schön umgesetzt wurde, von dem ich mir aber grade bei so einem wichtigen Thema wie „mit sich selbst zufrieden sein“ vielleicht doch etwas mehr Tiefgründigkeit erhofft hätte.

Text: Antonia


 

Wer hat an der Uhr gedreht?

,,Aufeinanderfolge der Augenblicke, Stunden, Tage, Wochen, Jahre“ – so definiert der Duden das Wort Zeit. Aber lässt sich für Zeit wirklich eine umfassende Definition aufstellen? Oder handelt es sich um ein vielschichtiges Phänomen, dem jeder Mensch eine ganz andere Funktion und Bedeutung zuschreibt? In ihrer Stückentwicklung „Wer hat an der Uhr gedreht?“ beleuchtet der Gostner Jugendclub vom Gostner Hoftheater e. V. Nürnberg die Zeit aus ganz unterschiedlichen Perspektiven.

Zeit gehört zu den wenigen Anteilen des Lebens, denen sich niemand entziehen kann. Man mag persönlich entscheiden, sich nicht dafür zu interessieren, aber sie existiert und vergeht dennoch. Die Darsteller/innen vermitteln gekonnt die Mehr-Dimensionalität der Zeit. Es werden immer wieder verschiedene Fragen im Zusammenhang mit Zeit aufgeworfen. Diese werden häufig von Stimmen aus dem Off beantwortet oder kommentiert. Manchmal werden sie ganz rational mit wissenschaftlichen Fakten beantwortet, meist jedoch berichten Leute ganz verschiedener Altersgruppen über ihre persönlichen Erfahrungen und Ansichten. Die Schauspieler/innen gehen anschließend näher darauf ein. Sie betrachten ihre alltäglichen Erfahrungen aus verschiedenen Blickwinkeln: Zeit vergeht subjektiv unterschiedlich schnell, quälend langsam oder rasend schnell. Wir können sie verschenken, gezielt investieren oder einfach nur genießen. Wie auch immer wir sie erleben, sie vergeht unaufhaltsam, ohne Stillstand und sie ist unwiederbringlich. Existentielle Themen wie Leben und Tod, Entstehung der Welt und Ewigkeit sind mit ihr verbunden. So werden unterschiedliche physikalische, psychologische und philosophische Aspekte von Zeit künstlerisch versiert dargestellt. Antworten auf die komplexen Fragen werden nicht etwa oberflächlich-direkt vermittelt, vielmehr begibt man sich im Verlauf des Stücks auf eine gemeinsame Suche nach der Bedeutung und die dargestellten, alltäglichen Szenen verleihen dem Stück viel Leichtigkeit.

Die Gruppe wählte eine Thematik aus, die alle Zuschauer/innen persönlich betrifft und die jeder auf sein eigenes Leben übertragen kann. In „Wer hat an der Uhr gedreht?“ vermitteln die Schauspieler/innen die Aussagen des Stücks nicht nur mit Worten, sondern auch durch symbolische Körpersprache. Reaktionszeit, Schulzeit, Zeitdruck – zu Beginn des Stückes gehen die neun Darsteller/innen auf der Bühne umher und geben immer wieder verschiedene Wörter im Zusammenhang mit Zeit von sich und wecken sofort die Neugierde der Zuschauer. Das Bühnenbild ist für sich genommen minimalistisch, weiße mit Uhren beklebten Tische werden gezielt in das Stück eingebaut und fungieren beispielsweise auch als Auto oder Hantel. Die Kostüme sind einheitlich, verzichten auf Farbe und heben gezielt keine einzelnen Schauspieler/innen hervor. Sprachliche Darstellungsmittel werden sehr bewusst eingesetzt, sodass weder Wortwahl, Satzbau noch Erzählweise zufällig erscheinen. Das Stück besticht durch großartigen Humor und schafft es mit viel Leichtigkeit und Originalität den Zuschauer zum Nachdenken anzuregen. Teilweise werden die Zuschauer/innen allerdings durch die Witze, welche auf tiefsinnige Botschaften folgen, schnell wieder von ihren weitreichenden Gedanken abgelenkt. Die Schauspieler/innen sprechen die Zuschauer/innen immer wieder direkt an, dies geschieht locker und auf Augenhöhe. Neben den inspirierenden Fragestellungen und Botschaften des Stücks mag dies ein Hauptgrund dafür sein, dass sich die Zuschauer/innen nicht nur während der Aufführung intensiv mit dem Phänomen Zeit auseinandersetzen, sondern gewiss auch noch lange danach.

Text: Fiona